Balian Buschbaum (33) – geboren als Yvonne. Bis 2007 holt er diverse deutsche Meistertitel und nimmt an Olympischen Spielen teil. Dann macht Balian mit Yvonne Schluss. Für sie ist es vorbei – und für ihn beginnt ein neues Leben.

Wann haben Sie bemerkt, dass Ihr physisches und gefühltes Geschlecht nicht zueinanderpassen?

Das wusste ich schon immer. Natürlich konnte ich das nicht in eine Begrifflichkeit packen, weil ich keine Worte dafür hatte. 

Wie hat sich das „Anderssein“ geäußert?

Ich spielte mit Autos, fand Puppen doof und verliebte mich in meine Kindergärtnerin. Zum Glück haben meine Eltern nie versucht, mich in eine Rolle zu stecken, für die ich einfach nicht gemacht war. 

Jeder beginnt früher oder später auch seine Sexualität zu entdecken. Wie waren diese ersten zaghaften Begegnungen für Sie?

Ich hatte zunächst die Begegnung Sport und war jahrelang auf dem ehrgeizigen Kurs, meinen Körper männlich zu formen. Nicht um einem Bild zu entsprechen, mehr um natürlich zu handeln. Meine Jugend und mein Heranwachsen waren die eines normalen Jungen. Ich hatte einen klassischen jungenhaften Werdegang, lief im Schwimmbad beispielsweise mit Shorts herum und spielte mit meinen Kumpels Fußball.

Ich hatte das Glück, dass mich mein Umfeld so angenommen hat, wie ich war – auch meine Freundinnen. Ich war nur mit heterosexuellen Frauen zusammen. Sie hatten sich in meine Männlichkeit, die etwas Geheimnisvolles in sich trug, verliebt – so erklärten sie das zumindest. 

Gab es nie Berührungsängste?

Meine Partnerinnen hatten damit eigentlich nie ein Problem. Ich sah mich damals eher als Liebesdiener (lacht), weil ich keine Berührungen im Intimbereich zuließ, selbst jedoch gern welche gab. So lernte ich schnell die Kunst der Verführung. Ich liebte und befriedigte Frauen, aber eben ohne einen Penis. 

Interessant.

Auch wenn es für viele Männer undenkbar ist, aber ja, man kann eine Frau auch ohne Penetration befriedigen – sehr gut sogar. Auch war das fälschlich produzierte Hormon Östrogen eine wichtige Erfahrung. Ich hatte dadurch die Möglichkeit, nicht nur mit ihren Körpern, sondern auch mit ihren Gedanken zu schlafen. Wenn du es als Mann schaffst, eine Frau in ihrer Ganzheit zu verstehen, werden dir Türen geöffnet, von denen du nichts ahnst – auch sexuell.

Wann kam der Punkt, an dem Sie nicht mehr nur mit Geist und Seele ein Mann sein wollten, sondern auch körperlich?

Als mir bewusst wurde, dass ich nicht glücklich bin, obwohl ich alles hatte: eine tolle Kindheit, keine schlimmen Erfahrungen, Erfolg im Sport, teure Autos, hübsche Frauen, Anerkennung. Für mich wurde klar, dass ich dieses Leben hinter mir lassen muss, um mein persönliches Glück zu finden.

Hatten Sie Angst vor dem Weg der körperlichen Veränderung?

Wovor sollte ich Angst haben, wenn ich doch genau wusste und fühlte, dass ich das bin und nur aufgrund eines „Fehlers“ der Natur ohne Penis und Hoden auf die Welt gekommen bin? Ich zweifelte keinen Augenblick, da mein Verstand und meine Emotionen Hand in Hand gingen.

Wie ging es dann weiter?

Bevor ich mit der Hormontherapie begonnen habe, musste ich durch psychologische Gutachten nachweisen, dass ich das bin, was ich bin: ein Mann. Hinzu kamen die Bürokratiehürden, also die offizielle Anerkennung meiner Männlichkeit. Diese Zeit kann man als die schwarzen Jahre meines Lebens betiteln. 

Dann sind Ihnen Barthaare gewachsen, Ihre Stimme wurde tiefer …

... das ging alles sehr schnell. Ich vertrete aber auch die Theorie: Es kann nur nach außen wachsen, was innen schon lange existiert. 

Was war das erste Gefühl nach der geschlechtsangleichenden Operation?

Ich habe mich das erste Mal in meinem Leben vollständig gefühlt. Hinzu kamen kleine Situationen im Alltag, wie im Stehen pinkeln zu können – das hat mich sehr glücklich gemacht. 

Und wie war das „erste Mal“?

Eine Erlösung. 

Wenn Sie eine Frau kennenlernen, erzählen Sie ihr Ihre Geschichte?

Wäre es nur ein One-Night-Stand, würde ich nichts erzählen. Warum auch? Die Frau würde nichts bemerken. Die Medizin ist heute so weit, dass man optisch keine Unterschiede zum angeborenen Penis sieht. Ich versuche immer ehrlich zu sein, erzähle jedoch nicht gleich jedem meine Lebensgeschichte. Doch wenn es zu Fragen kommt, habe ich stets Antworten – auch im Bett.