Diese Aussage suggeriert, dass der vorzeitige Samenerguss generell eine Störung/Erkrankung der männlichen Sexualität darstellt. Wenn man allerdings zwischen einer „Beschwerde und einer Störung/Erkrankung differenziert, erscheint es plausibler zu behaupten, dass die EP die häufigste Sexualbeschwerde – und diese ist nicht immer mit einem Leidensdruck – des Mannes darstellt.

Die Schwierigkeit der Definitionsfindung liegt darin, dass man eine Grenze zwischen krankhaft und gesund nicht genau ziehen kann. Die Empfindung betroffene Männer oder beider Partner, „was normal ist“, variiert und ist zudem subjektiv. Die „gefühlte“ normale Durchschnittszeit von Penetration bis Ejakulation beträgt zwischen sieben und 14 Minuten. Im Allgemeinen erfolgt eine etwas kürzere Zeiteinschätzung der Frauen.

Der am häufigsten gefundene Ansatz einer Definition beinhaltet unter anderem die Eingrenzung von normalen Werten der intravaginalen Ejakulationslatenzzeit, der Zeit von der Penetration bis zum Samenerguss. Zahlreiche medizinische Gesellschaften haben die EP unterschiedlich definiert.

Alle Kernpunkte der verschiedenen Definitionen sind in den erschienenen Leitlinien der International Society for Sexual Medicine (ISSM) für die lebenslange EP berücksichtigt und definieren die EP als „eine männliche Sexualstörung“, die charakterisiert ist durch

  • eine Ejakulation, die immer oder fast immer vor oder innerhalb von etwa einer Minute nach Einführen des Gliedes in die Scheide erfolgt;
  • die Unfähigkeit zur Verzögerung der Ejakulation bei jeder oder fast jeder vaginalen Penetration;
  • negative persönliche Folgen, wie etwa Leidensdruck, Ärger, Frustration und/oder die Vermeidung sexueller Intimität.

Klinische Vorgehensweise

Ein generelles Screening der männlichen Allgemeinbevölkerung ist gemäß den Leitlinien nicht angemessen. Eine ausgiebige Sexualanamnese ist für die Diagnosefindung und Therapie jedoch unentbehrlich. Stoppuhr-Messungen sind für wissenschaftliche Untersuchungen unabdingbar, aber in der täglichen Routinepraxis ungeeignet.

Studien konnten zeigen, dass Patienten- oder Partnerbefragungen hilfreich sein können. Die körperliche Untersuchung kann für die Erkennung von Begleiterkrankunge vor allem bei der erworbenen EP hilfreich sein. Akute oder chronische (Stoffwechsel-) Erkrankungen beziehungsweise eine Gewebeschädigung oder ein operativer Eingriff als Ursache sollten ausgeschlossen werden. Auch muss eine Erektionsschwäche, die häufig die Ursache einer erworbenen EP ist, ausgeschlossen werden.

Gerätediagnostik

Zumindest eine Beckenbodenschwäche und eine lokale Nervenschädigung sollen ausgeschlossen werden. Die wird mittels eines Beckenboden- EMGs und einer sogenannte Biothesiometrie ermittelt.

Labordiagnostik

Laborparameter können sinnvoll sein, um zum Beispiel Stoffwechselerkrankungen als Ursache der EP auszuschließen.

Therapie

Bei einer der EP zugrunde liegenden organischen Störung der EP muss man deren Ursache therapieren. Liegt beispielsweise eine Beckenbodenschwäche vor, kann man ein spezielles Beckenbodentraining absolvieren. Auch psychische Komponenten spielen eine zentrale Rolle. Mit dem medikamentösen Ansatz wird primär nur das Symptom als solches behandelt. Im Zentrum der Behandlung steht häufig das Miteinbeziehen des Partners.

Das gemeinsame Herangehen an das Problem führt in einigen Fällen bereits zum Erfolg und unterstützt alle weiteren Maßnahmen positiv. Hierdurch kann auch der Erfolgsdruck minimiert werden (zum Beispiel erster Schritt: Sex ohne Geschlechtsverkehr). Manchen Männern hilft ein vorangegangener Orgasmus, die Ejakulation zu verzögern. Die Kombination von Verhaltens-/ Psycho- und Sexualtherapie gegebenenfalls mit einer medikamentösen Therapie gilt vor allem aus Sicht von Sexualtherapeuten als erfolgversprechendes Konzept zur langfristigen Lösung des Problems.