Der Hodentumor ist in den letzten 30 Jahren aufgrund intensiver interdisziplinärer Bemühungen in Diagnostik und Therapie ein beispielhaftes Modell für eine heilbare Krebserkrankung geworden.

Leitlinien-basierte Therapieempfehlungen

Die Diagnostik und Therapie der Hodentumoren sollte durch die Publikation evidenzbasierter Leitlinien nationaler und internationaler interdisziplinärer Expertengruppen in nahezu für alle klinischen Situationen standardisiert durchführbar sein. In Abhängigkeit von der Erfahrung des Therapeuten und der Infrastruktur der jeweiligen Versorgungseinrichtung sollte somit objektiv beurteilbar sein, ob eine indizierte, aber komplexe Therapie (Poor Risk Patienten, Salvage-Chemotherapie, Hochdosis-Chemotherapie, postchemotherapeutische Residualtumorresektion) vor Ort oder nur an einem ausgewiesenen Zentrum durchführbar ist.

Gerade in den genannten Situationen ist das koordinierte Zusammenspiel von Chemotherapie und operativer Residualtumorresektion die Grundlage für eine kurative Therapie: eine inadäquat durchgeführte Primärtherapie kann nicht durch eine intensivierte Folgetherapie kompensiert werden. Bezogen auf die Therapie des Hodentumors konnte in verschiedenen Untersuchungen gezeigt werden, dass die Überlebensrate von Patienten mit fortgeschrittenem Keimzelltumor außerhalb von Behandlungszentren deutlich ungünstiger ist als in erfahrenen Zentren.

Die Akzeptanz und Umsetzung der aktuellen Leitlinien und die Erfahrung des Therapeuten sind aber nicht nur bei den Patienten mit ausgedehnter Metastasierung von Bedeutung, sondern ebenso bei den Tumoren mit fehlender oder minimaler Metastasierung. Auch für diese Patientengruppe zeigen aktuelle Untersuchungen, dass studien- und leitliniengestützte Therapieverfahren in nur zwei Drittel der Patienten zur Anwendung kommen.

Leitlinienbasierte oder Zentrumsbasierte Therapie?

Es stellt sich anhand der oben aufgeführten Daten die Frage, ob die Erstellung von Leitlinien, bei unveränderter medizinischer Versorgungsstruktur, geeignet ist, die Versorgungsergebnisse nachhaltig zu verbessern oder ob seltene Tumorentitäten wie der Hodentumor unabhängig vom Erkrankungsstadium nicht von vornherein in ausgewiesenen Zentren behandelt werden sollten.

Aktuelle Studienergebnisse aus der Versorgungsforschung sind alarmierend, da nur ca. 45-50% der Patienten nach den aktuellen Leitlinien therapiert werden. Die oben genannten Daten machen deutlich, dass auch weiterhin ein Optimierungsbedarf für die Versorgungsqualität der Hodentumorpatienten besteht, der in einem mehrstufigen Modell realisiert werden könnte, das sich an dem Nationalen Krebsplan Englands mit der Einrichtung von überregionalen Netzwerken zwischen Kliniken und Praxen für die Behandlung seltener Tumorentitäten anlehnt.

Die Systemtherapie metastasierter Hodentumorpatienten ist in erfahrenen Institutionen durchzuführen, die eine Vielzahl von Hodentumorpatienten jährlich innerhalb einer interdisziplinären Struktur behandeln. In Deutschland präsentieren sich ca. 25-30% aller Hodentumorpatienten mit einer ausgedehnten Metastasierung bei Erstdiagnose.

Die primäre Behandlung von Poor Risk Patienten oder Salvagetherapie ist eine Domäne der erfahrenen Zentren in denen sowohl die Hochdosichemotherapie, komplexe Zweitlinientherapien inklusive einer Residualtumorresektion und klinische Studienoptionen für Patienten mit chemorefraktärem Keimzelltumor angeboten werden können. In Deutschland werden ca. 10-15% der Patienten in dieser Situation diagnostiziert.

Die postchemotherapeutische Residualtumorresektion sollte an wenige Zentren konzentriert werden, da die Qualität der Operation in Bezug auf Komplikationen und onkologisches Ergebnis mit der Anzahl der jährlich durchgeführten Eingriffe pro Operateur streng korreliert. In den erfahrenen Zentren werden zudem alle Patienten in sogenannten interdisziplinären Tumorkonferenzen besprechend, so dass eine objektive Beurteilung der jeweils besten Therapie vorgenommen werden kann.