Sexuelle Männergesundheit – was darf man darunter verstehen?

Männergesundheit ist ein Konzept, was wir seit rund zehn Jahren zunehmend beobachten. Es deckt das gesamte Wohlbefinden vom jungen Mann in der Pubertät bis zu Männern im älteren Lebensalter ab. Und wendet sich primär an Bereiche, die für Männer spezifisch sind. Hierzu gehört die sexuelle Gesundheit genauso wie Präventionsmaßnahmen.

Und wenn man im Speziellen auf die sexuelle Männergesundheit eingeht, was sind hier die wichtigsten Ansatzpunkte?

Zur sexuellen Männergesundheit gehören viele Aspekte, wie eine normale Libido, eine erfüllte Partnerschaft und ein sexuelles Wohlbefinden, auch jenseits des reinen Geschlechtsverkehrs.

Welches sind die häufigsten sexuellen Störungen bei Männern?

Schon der Begriff sexuelle Störung klingt nach etwas Krankhaftem, doch man muss berücksichtigen, dass die Lebensspanne eines jeden Menschen, eines jeden Mannes, einem dynamischen Prozess unterliegt und, dass die Realitäten zwischen 20 und 30 Jahren anders sind als in der siebten Lebensdekade.

Aus diesem Grund ist es wichtig zu realisieren, dass die männliche Sexualität biologischen Entwicklungen und Schwankungen unterliegt und man nicht mit falschen Zielvorstellungen und Ansprüchen herangehen darf. Darüber hinaus gibt es aber auch Pathologien.

Was sind krankhafte Befunde?

Das können Störungen der Libido sein, also des sexuellen Verlangens. Das können Ejakulations- oder Orgasmusstörungen sein, aber es kann auch die erektile Dysfunktion sein, also eine fortbestehende Unfähigkeit, eine Erektion zu erlangen oder aufrechtzuerhalten und so einen befriedigenden Geschlechtsverkehr zu gewährleisten.

Kann man dies bei älteren Männern als die männlichen Wechseljahre beschreiben?

Während es bei Frauen eine klare Zeitspanne gibt, in der die Menopause eintritt und sich in der Regel über einige wenige Jahre hinzieht, ist das beim Mann ein langsamer, über viele Jahre kontinuierlich fortlaufender Prozess.

Wir wissen heute, dass ein signifikanter Prozentsatz der älteren Männer um das 60. Lebensjahr eine sogenannte erektile Dysfunktion hat, ohne dass andere krankhafte Ursachen oder Mangelsituationen dahinterstecken. Das ist Teil der normalen biologischen Entwicklung.

Was kann man(n) – ob alt oder jung – dagegen tun?

Ganz wichtig ist, dass sich Männer mit einer erektilen Dysfunktion untersuchen lassen, denn diese kann auch ein Erstsymptom für eine Herzerkrankung, also eine Durchblutungsstörung, sein, die parallel auch die Penisgefäße erfasst hat.

Und wenn es keine krankhaften Ursachen hat?

Auch hier ist eine ärztliche Beratung sehr wichtig, bei der über zum Beispiel medikamentöse Ansatzpunkte gesprochen werden kann. Und durch die Einnahme bestimmter Medikamente kann eine Verbesserung der Erektionsfähigkeit hervorgerufen werden kann.

Potenzmittel?

Potenzmittel ist leider ein etwas in Verruf geratener Begriff. Uns steht, mittlerweile seit über zehn Jahren, eine Substanzgruppe zur Behandlung der erektilen Dysfunktion zur Verfügung. Das sind die sogenannten Phosphodiesterase-Hemmer, eine Medikamentengruppe, die ein Enzym blockt und dadurch einen verlängerten und verstärkten Bluteinstrom bei sexueller Erregung in den Schwellkörper des Penis hervorruft. Diese Medikamente werden in aller Regel sehr gut vertragen.

Aber ist es nicht so, dass solche Medikamente recht lange brauchen, um ihre Wirkung zu entfalten?

In der Regel muss das Medikament eine halbe Stunde bis Stunde vor dem Geschlechtsverkehr eingenommen werden, das ist richtig. Jedoch kann die Wirkung bis zu zwei Tage andauern, und der Mann kann bei erneuter sexueller Stimulation wieder eine Erektion erlangen.

Geht dann nicht die Spontanität die Leidenschaft verloren, wenn man auf „ihn“ warten muss, bis sich etwas rührt?

Es sind jetzt auch Medikamente verfügbar, die innerhalb von 15 bis 30 Minuten ihre Wirkung entfalten, und durch diese Medikamente ist dann auch spontanerer Geschlechtsverkehr auch für Männer mir erektiler Dysfunktion wieder möglich.

Welche Tipps möchten Sie als Experten unseren männlichen Lesern geben?

Eine allgemeine gesunde Lebensweise, körperliche Aktivitäten und das vermeiden von Übergewicht spielt eine genauso wichtige Rolle. Prävention ist das A und O, denn sie unterstützt auch eine gesunde Sexualität. Doch leider tun sich die meisten Männer schwer, einmal im Jahr einen Urologen aufzusuchen, um sich im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung durchchecken zu lassen. Bei diesen Untersuchungen können auch Themen der sexuellen Gesundheit durchgesprochen werden.

Und was würden Sie jungen Männern raten? Diesen fehlt es ja oft an einem Ansprechpartner.

Bezüglich dieser Thematik sind wir als Fachgesellschaft aktiv geworden.

Inwiefern?

Wir haben eine sogenannte Jungensprechstunde ins Leben gerufen, die für junge Männer – kurz nach der Pubertät – zur Verfügung stehen und teilweise auch erhebliche Wissenslücken, im Bezug auf sexuelle Ansprüche und Vorstellungen aufzeigen.

Wo werden diese Sprechstunden angeboten?

Viele urologische Praxen haben die Jungensprechstunden bereits implementiert. Hier können sich junge Männer dann, in einem geschützten Umfeld, von ausgebildeten Urologen, beraten lassen. Hier können junge Männer bedenkenlos alle ihre Fragen stellen und werden eine unvoreingenommene Antwort erhalten. Aber auch in Schulen wird mehr und mehr Informationsarbeit geleistet.

Bitte gehen Sie näher darauf ein.

Wir, von der Deutschen Gesellschaft für Urologie e.V., gehen auch in Schulen, halten zweistündige Vorträge, führen Gesprächsrunden mit jungen Männern durch, um Themen der Sexualität zu diskutieren und uns als Ansprechpartner zur Verfügung stellen.

Ist es richtig, dass junge Männer oft völlig abstruse Sexualvorstellungen haben?

Das stimmt. Diese erhalten sie aus dem Internet. Und wen es im wahren Leben dann nicht so läuft, sind viele jungen Männer verunsichert und mit Freunden, Eltern oder Lehrern können sie darüber nicht sprechen. Auch genau für solche Problematiken gibt es die Jungensprechstunde und ich möchte jedem jungen Mann, ab 15 Jahren wirklich empfehlen diese wahrzunehmen.