Nach meinem zweijährlichen ärztlichen Gesundheitscheck 2007 kam ich strahlend nach Hause: „Alles in Ordnung“, verkündete ich meiner Frau, „aber er hat Blut abgenommen für irgendeinen Test, keine Ahnung, für welchen“. Ein paar Tage später klingelte bei uns in Soltau das Telefon. Der Hausarzt fragte, ob wir nicht vorbeikommen könnten. Als wir dem Arzt gemeinsam gegenübersaßen, wurde die Situation ernst: „Herr Kurtz, ich muss Ihnen mitteilen, Ihr PSA-Wert (prostataspezifisches Antigen) ist mit 32 ng/ml ziemlich hoch.“ Plötzlich waren die Horrorvisionen da. Durch eine Biopsie beim Urologen wurde der Verdacht bestätigt: Es war Prostatakrebs. Steht die Diagnose Krebs im Raum, sitzen Hilflosigkeit und Angst oftmals auf der Schulter. Nach einer Diagnose ist die Möglichkeit des Todes ganz nah.

Insgesamt führen nach der Diagnose Sprachlosigkeit und Überforderungen Regie. Die Diagnose stellt das Leben einfach auf den Kopf. Sie löst starke Ängste aus, die Spaßgesellschaft ist plötzlich passé. Plötzlich tauchen neue Gedanken auf: Wer bin ich wirklich, nun nicht mehr der Starke, sondern verletzlich? Bis zum Moment der Diagnose habe ich mich immer sehr souverän gefühlt. Wie sollte es weitergehen? Fragen über Fragen, gepaart mit der Angst, wie sieht die Zukunft aus? Was wird aus meiner Ehefrau?

In einer Selbsthilfegruppe kann ich Gespräche führen, die ein Arzt mit seinen Patienten nicht führen kann.

Durch diese Gedanken kam ich zu der Entscheidung: Du darfst nicht verlieren, du darfst dich nicht gehen lassen. In unserem Wohnort gab es eine Prostatakrebs-Selbsthilfegruppe. Mit den betroffenen Männern führte ich offene und sehr konstruktive Gespräche. Diese Gruppe hat mir bei der Diagnose, der Behandlung und dem Weg danach sehr geholfen. Ich konnte erstmals in meinem Leben mit Außenstehenden über intime Dinge sprechen und somit meine Krankheit besser verstehen lernen. Ich konnte alles rauslassen, was mich bedrückte.

Die Gesellschaft ist oft spaßorientiert, Negatives wird gern verdrängt. Mit einer Krankheit wie Krebs will eigentlich keiner etwas zu tun haben, nicht einmal die, die es unmittelbar betrifft. Dabei geht es überhaupt nicht darum, helfen zu müssen oder die richtigen Worte zu finden, es geht um Nähe und Gesellschaft. Da war mein Nachbar, der den Hund vorbeibringt, weil er weiß, dass dieser mir große Freude bereitet. Auch ein Bekannter, der ungefragt den Rasen mähte, weil ich mit meinen Kräften haushalten muss. Es waren gerade diese liebevollen Gesten, die Kraft gespendet haben. Selbsthilfe in einer Gruppe bedeutet auch, gemeinsam stärker zu sein, als im Einzelkampf der Krankheit widerstehen zu müssen.

Halbgötter in Weiß ist ein Bild von Ärzten, das längst überholt ist. Wenn es um mein Leben geht, halte ich es für unangebracht, sich in die Hände anderer, ohne die eigene Mitwirkung, zu begeben. In einer Selbsthilfegruppe kann ich Gespräche führen, die ein Arzt mit seinen Patienten nicht führen kann. Behandlungsfragen sind das eine, die Auswirkungen der bösartigen Krankheit, die auch bei Genesung das weitere Leben beeinflussen, sind etwas ganz anderes. Ich konnte über Themen sprechen, die sonst eigentlich hinter verschlossenen Türen besprochen werden.

Beeinträchtigte Sexualität und Inkontinenz gehören dazu. Diese Thematik hat enorme Auswirkungen auf die Partnerschaften, deshalb ist es auch sehr wichtig, die Lebensgefährten in die Gespräche mit einzubeziehen. Denn wenn sich das Selbstwertgefühl des Erkrankten mit den körperlichen Beschwerden verändert, können Gespräche das labile Selbstbild auffangen und neue Kraft spenden.

Die Diagnose Prostatakrebs muss keine, wie in meinem Fall, „Schockdiagnose“ sein, insbesondere nicht, wenn der Betroffene sich als Mann schon vorzeitig mit dieser typischen und häufigen Männererkrankung auseinandergesetzt hat oder nach Diagnosestellung schnellstens darüber informiert. Ein frühzeitig diagnostizierter Prostatakrebs eröffnet jedem Betroffenen heute mehrere Therapieoptionen, die die oft beschriebenen Folgen der wie Inkontinenz oder erektile Dysfunktion sowie eventuelle psychologische Beeinträchtigungen mindern oder gar nicht erst entstehen lassen.

Geschrieben von Helmut A. Kurtz,
Vorsitzender des Regionalverbands Prostatakrebs Selbsthilfe Niedersachsen/Bremen e. V.

Information

Der gemeinnützige Bundesverband Prostatakrebs Selbsthilfe e. V. (BPS) ist mit 237 Selbsthilfegruppen die größte europäische Organisation von und für Prostatakrebspatienten.

Die kostenlose BPS-Beratungshotline infor-miert Prostatakrebs-Erkrankte und Angehörige dienstags, mittwochs und donnerstags (außer bundeseinheitliche Feiertage) von 15 Uhr bis 18 Uhr unter der gebührenfreien Service-Rufnummer 0800–70 80 123.

Mehr Informationen unter prostatakrebs-bps.de.