Allgemein wird unfreiwilliger Urinverlust als „Frauenkrankheit“ angesehen. Gibt es denn auch eine Harninkontinenz des Mannes?

Sie sprechen ein weitverbreitetes Vorurteil an:  Tatsächlich sind bei den unter 70-Jährigen mehr Frauen als Männer von einer Harninkontinenz betroffen. Aber ab dem siebten Lebensjahrzehnt kommt Statistiken zufolge das Problem bei rund vier Prozent aller Menschen vor – unabhängig vom Geschlecht.

Was verursacht eine Harninkontinenz bei Männern?

Während bei Frauen meist Geburtsfolgen, hormonelle Veränderungen nach den Wechseljahren und häufige Harnwegsinfekte zu einer Inkontinenz führen, ist es beim Mann häufig die Prostatavergrößerung, die zu einer sogenannten Drang- oder Reizblase führt. Die Blase muss den Urin über Jahre unter erhöhtem Druck entleeren, es stellt sich häufiges Wasserlassen mit kleineren Portionen, aber erhöhtem Harndrang ein. Der Fachmann spricht von der „Überaktiven Blase“. Diese kann – bei Patienten beiderlei Geschlechts – auch durch neurologische Erkrankungen ausgelöst werden. Hierzu zählen Schlaganfall, Parkinson, Nervenschäden durch Diabetes mellitus und andere mehr.

Wie wird eine Harninkontinenz beim Mann behandelt? Gibt es auch hier die Bandoperation?

Sie sprechen die spannungsfreien Vaginalbänder an, die bei der weiblichen Belastungsinkontinenz (Urinverlust bei Husten, Lachen, Niesen oder körperlicher Belastung) den Schließmuskelapparat der Frau stützen. Sie haben bei der Überaktiven Blase des Mannes keinen Stellenwert. Hier kommen – wie übrigens auch bei Frauen mit dem gleichen Problem – Medikamente zum Einsatz, die die Blase beruhigen. Sie dämpfen den Reizzustand, führen zu größeren Zeitintervallen zwischen den Toilettengängen und machen den Harndrang wieder kontrollierbarer. Die Lebensqualität steigt.

Sind dies die typischen Prostatamedikamente?

Nein, die angesprochenen, die Blase beruhigenden Präparate sind die sogenannten Antimuskarinika. Prostatamedikamente sind eher solche, die die Prostata entspannen oder verkleinern. Gerne werden sie allerdings beim Mann in Kombination verschrieben. Dies war früher ein Sakrileg, weil befürchtet wurde, dass Medikamente, die die Blase ruhigstellen, bei einem Mann mit Prostatavergrößerung zu einer Harnsperre führen können. Heute wissen wir nach eigenen Untersuchungen, dass ein solcher Harnverhalt unter Antimuskarinika ein seltenes Ereignis ist – besonders wenn die Blase sich bei Beginn der Therapie komplett entleert.

Herr Prof. Wiedemann, Sie sprechen von „den“ Antimuskarinika – gibt es Unterschiede?

Es gibt in der Tat eine Handvoll Präparate, die sich bezüglich ihrer Wirkstärke und ihrer Nebenwirkungen (die häufigste ist Mundtrockenheit) ähneln. Chemisch etwas anders und besonders gut verträglich ist Trospiumchlorid, weil es nicht dem Abbau über die Leber unterliegt und als einzige Substanz aus dieser Gruppe nicht gehirngängig ist. Damit sind Folgeerscheinungen wie Müdigkeit oder Konzentrationsmangel ausgeschlossen. Dies ist in meinen Augen gerade bei älteren Patienten, aber auch berufstätigen oder solchen, die am Verkehr teilnehmen, wichtig.

Warum wird dann nicht ausschließlich Trospiumchlorid verschrieben? Oder anders gefragt: Warum werden die anderen Antimuskarinika nicht vom Markt genommen?

Das hat zum Teil historische Gründe. Aus meiner Sicht liegt jedoch das Hauptproblem bei den „ZNS-Nebenwirkungen“ – Verschlechterung der Gedächtnisleistung, Konzentrationsmangel oder eingeschränkte Lernfähigkeit –, dass diese Veränderungen subjektiv nicht so ins Gewicht fallen und dem behandelnden Arzt nicht offenbart werden. Wird dieser Effekt mit psychologischen Tests systematisch untersucht, lässt sich eine solche Verschlechterung der Gehirnleistung eindeutig sichern: Man kann davon ausgehen, dass es unter anderen Antimuskarinika als Trospiumchlorid zu Effekten kommt, die einer Gehirnalterung um etwa zehn Jahre entsprechen. Dies ist vor dem Hintergrund der sowieso schon ablaufenden „Altersveränderungen“ dann doch bedenklich.

Was unternehmen Sie, wenn „Antimuskarinika“ nicht mehr wirken?

Dies ist selten der Fall. Mithilfe einer sorgfältigen Analyse der Vorgeschichte, einer Behandlung der Begleiterkrankungen und einem flankierenden Blasentraining gelingt es fast immer, die Überaktive Blase des Mannes einzustellen. Selten wird bei Versagen Botulinumtoxin eingesetzt. Dieses hat einen ähnlichen Effekt, muss aber wiederholt in Narkose in die Blase injiziert werden.