30 Jahre „Arzt-Abstinenz“

Außerdem sind Männer häufiger in schwere Unfälle verwickelt – sei es im Straßenverkehr oder bei der Arbeit. Darüber hinaus ist die medizinische Versorgung von Männern schlechter: Während Frauen normalerweise von ihrer ersten Monatsblutung an regelmäßig zum Frauenarzt gehen, wo sie auch allgemeinmedizinisch betreut werden – der Blutdruck wird gemessen, Blutuntersuchungen erfolgen ebenfalls in größeren Abständen –, suchen Männer meistens erst einen Arzt auf, wenn sich Krankheitszeichen einstellen.

Seitdem die Musterungsuntersuchungen weggefallen sind, bedeutet das für viele Männer eine 30 Jahre lange „Arzt-Abstinenz“, nachdem sie den Kinderschuhen entwachsen sind.

Gesundheitsangebote entsprechen nicht dem männlichen Selbstbild

Als Konsequenz hat sich das Bild vom Mann als Vorsorgemuffel fest in den Köpfen verankert. Also selbst schuld? Nein! Denn bereits der erste Männergesundheitsbericht, der 2010 von der Stiftung Männergesundheit publiziert wurde, zeigte im Ergebnis, dass die Gesundheitsangebote nicht dem männlichen Selbstverständnis entsprechen.

Die ambulanten medizinischen Angebote werden dem Mann in seinem Bedürfnis nach Effizienz nicht gerecht. Die Sprechzeiten sind für einen arbeitenden Mann schwer zu erreichen. Die Wartezimmer sind voll, besonders in den ländlichen Gebieten der neuen Bundesländer, wo es zu wenige Ärzte gibt. Viele Männer drehen auf dem Absatz um und pfeifen auf den Arztbesuch. Warteschleifen am Telefon für eine Terminvereinbarung fördern die „Arzt-Abstinenz“.

Das hat Folgen, wie man auch am Beispiel der Depression unschwer erkennen kann: Die Suizidrate liegt bei Männern um das Dreifache höher, aber deutlich weniger Männer als Frauen sind wegen einer Depression in Behandlung.

Daher ist es notwendig, Versorgungskonzepte zu schaffen, die Männer „abholen“. Die „Check-up 35+“-Untersuchung, die alle Krankenkassen ihren Mitgliedern ab dem 35. Lebensjahr anbieten, ist generell eine gute Offerte, nur müssten die benannten Mängel behoben werden, um sie für Männer attraktiv zu machen.

Die Stiftung Männergesundheit hat es sich zum Ziel gesetzt, Informations- und Gesundheitsangebote zu entwickeln, die der Zielgruppe entsprechen und sie in ihrer Lebenswelt erreichen, beispielsweise direkt am Arbeitsplatz.
Es lohnt sich, Therapieentscheidungen zu überdenken

Gerade auch unabhängige Informationsangebote sind wichtig. Denn Männer machen, wenn sie krank werden, gern kurzen Prozess und neigen dazu, eine radikale Therapie zu wählen, selbst wenn sie zulasten der Lebensqualität geht. So lassen sich die meisten Patienten, bei denen Prostatakrebs diagnostiziert wurde, sofort operieren und nehmen sich nicht ausreichend Zeit, um sich vorher zu informieren und um dann eine überlegte Therapieentscheidung zu treffen.

Viele Prostatatumore sind wenig aggressiv, sodass eine engmaschige, aktive Überwachung die bessere Option ist als die Radikaloperation; sie ist nebenwirkungsfrei und garantiert den meisten Männern die bessere Lebensqualität.